Studie hinterfragt Saatgutbeizung
Eine vom Schweizer Forschungsinstitut Agroscope und Partnern durchgeführte Feldstudie untersuchte über drei Jahre die Wirkung unterschiedlicher Saatgutbehandlungen bei Winterweizen. Verglichen wurden chemische Beizen sowie alternative Verfahren wie Thermoseed, Elektronenstrahlbehandlung und Senfpräparate. Bewertet wurden Ertrag, Proteingehalt, Tausendkorngewicht, Mikronährstoffe sowie Auswirkungen auf die mikrobiellen Gemeinschaften an Saatgut und Wurzeln.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass unter den untersuchten Praxisbedingungen mit geringem Krankheitsdruck weder chemische noch alternative Saatgutbehandlungen messbare Vorteile bei Ertrag oder Qualitätsparametern brachten. Auch die Zusammensetzung der untersuchten Mikroorganismen blieb weitgehend unverändert. Die Autoren leiten daraus ab, dass Saatgutbehandlungen nicht pauschal, sondern abhängig vom tatsächlichen Krankheits- und Befallsrisiko eingesetzt werden sollten. Insbesondere bei geringem Risiko könne auf chemische Behandlungen möglicherweise verzichtet werden. Daran ist per se nichts zu kritisieren.
ABER: Zum einen stellt sich die Frage, welchen Nutzen eine Studie hat, die das eigentliche Problem, nämlich krankheitsbelastetes Saatgut zu untersuchen und dieses verschiedenen Behandlungsmethoden zu unterziehen, ausblendet. Zudem ist die öffentliche Darstellung der Ergebnisse sehr kritisch zu hinterfragen. Die Berichterstattung erweckt teilweise den Eindruck, chemische Saatgutbeizen seien grundsätzlich verzichtbar. Nach Angaben der Studie selbst gilt dies jedoch ausdrücklich nur für Situationen mit geringem Krankheitsdruck. Die Autoren weisen zugleich darauf hin, dass bei Saatgut mit relevanten Belastungen durch Krankheitserreger beziehungsweise Sporen eine Behandlung mit chemischen Beizmitteln weiterhin erforderlich sein kann, um die Saatgutgesundheit sicherzustellen.
Dass dieser wesentliche Hinweis in vielen Berichten nicht oder nur unzureichend erwähnt wurde, halten wir für unseriös. Die zentrale Aussage der Studie lautet nicht, dass Saatgutbeizen generell entbehrlich seien, sondern dass ihr Nutzen stark von der konkreten Befallssituation abhängt. Die Wissenschaftler empfehlen, Saatgutbehandlungen nicht pauschal durchzuführen, sondern situationsabhängig zu prüfen, insbesondere im Hinblick auf den tatsächlichen Krankheitsdruck im Saatgut oder Boden. Zur Ehrlichkeit würde an dieser Stelle aber auch gehören, darauf hinzuweisen, dass die Kapazitäten für eine Untersuchung jeder Partie auf Sporenbesatz schlichtweg nicht bestehen und diese mit sehr hohem finanziellem und organisatorischem Aufwand aufgebaut werden müssten.




