Saatguthandelstag 03./04. Mai 2012, Warberg

Tagungsergebnis: 
14. Saatguthandelstag setzt Zukunftsakzente

Der diesjährige Saatguthandelstag auf Burg Warberg hat für die gesamte Saatgutwirtschaft und ihre zukünftige berufspolitische Ausrichtung bedeutsame Akzente gesetzt. Dies war nicht nur an dem umfangreichen Vortragsprogramm mit grundsätzlichen und aktuellen Themen zu erkennen, sondern mit 175 Teilnehmern auch an der bislang höchsten Beteiligung der Unternehmen aus der Saatgutwirtschaft und deren Nachbarbranchen. Dieser 14. Saatguthandelstag war wieder vom Bundesverband der VO-Firmen e.V. (BVO) gemeinsam mit der Bundeslehranstalt Burg Warberg ausgerichtet worden und machte Warberg für zwei Tage zum Zentrum der Saatgutwelt.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Saatgutverkehrskontrollstellen der Länder, Uwe Sander, Kassel, wies in seinem Vortrag zu der Anzeige- und Aufzeichnungspflicht für den Handel darauf hin, dass die Saatgutwirtschaft im Zusammenhang mit der einmaligen Ausnahmeregelung bei Abgabe und Erwerb von Konsumgetreide zu Saatzwecken gegenwärtig gegen geltende sortenschutzrechtliche und saatgutverkehrsrechtliche Bestimmungen verstoße. Sander ließ dabei keinen Zweifel daran, dass die Saatgutverkehrskontrollstellen das Thema sehr ernst nehmen und Schwarzhandel verfolgen werden. Der Präsident des Landesbauernverbandes Schleswig-Holstein, Werner Schwarz, der gleichzeitig den Vorsitz des Saatgutausschusses des Deutschen Bauernverbandes inne hat, sah das Betriebsmittel Z-Saatgut aus Sicht der Landwirtschaft juristisch nicht ganz so streng wie Sander. Der Begriff des geistigen Eigentums erschließe sich vielen Landwirten nicht und sie fühlen sich beim Kauf von Saatgut mit der Zahlung von Preis und Lizenz mehrfach „abkassiert“. Hier appellierte Schwarz an die Mittlerfunktion des Handels zwischen Landwirt und Züchter zum besseren Verständnis der beiden Seiten füreinander beizutragen.

Voller Spannung wurden die Präsentationen der Beizmittelhersteller verfolgt. Hier scheinen sich grundsätzlich neue Philosophien über die Richtung der Entwicklung von Beizmitteln anzubahnen. Es geht zukünftig nicht mehr allein um den Schutz des Saatkorns in der Anfangsphase des Wachstums, sondern um langfristige Förderung und Sicherung der Gesundheit der Pflanze und, wie mehrfach unterstrichen wurde, um die Schaffung von Mehrwert für alle an der Pflanzenproduktion Beteiligten. Dies wurde in den Vorträgen der Beizmittelhersteller BASF SE, Bayer CropScience Deutschland GmbH und Syngenta Agro GmbH deutlich. Unter dem Titel "Vegetationsschutz beginnt mit der Saatgutbehandlung" stellte Martin Heger (Produktentwicklung, BASF SE) eine neue Saatgutbeize vor. Wesentliche Neuerung des Produktes sei die Erweiterung des Wirkungsspektrums von Saatgutbeizen auf Blattpathogene. Hervorgehoben wurde zum Beispiel die Wirkung gegen Netzflecken und Rynchosporium Blattflecken in Gerste. Darüber hinaus wurde der Zusammenhang zwischen deutlich verbesserter Wurzelleistung und Vitalität der Getreidepflanzen gezeigt. Postive Wirkung zeige das neue Produkt auch auf die Überwinterungsleistung der Bestände.

Frau Dr. Susanne Kretschmann, Bayer CropScience, betonte in ihrem Vortrag, dass Bayer CropScience die Qualität von Saatgut besonders am Herzen liege. Es komme nicht nur auf die Beizen an. Untersuchungen zum Einfluss von Saatgutreinigung auf die Beizqualität zeigten, dass die Saatgutqualität schon mit der Ernte beginne. Deutliche Unterschiede gebe es zwischen den Getreidearten. Wurden im Reinigungsprozess „Tischausleser“, Windsichtung vor oder im Beizer integriert, verbessert es eindeutig die Qualität. Der Beizertyp habe keinen erkennbaren Einfluss gezeigt. Der Einsatz von Haftmitteln runde die Qualität des Saatgutes ab. Dr. Christian Schlatter, Syngenta Basel, berichtete in seinem Vortrag über einen neuen fungiziden Wirkstoff, der ausschließlich für die Saatgutbehandlung entwickelt wurde, der neben einem breiten Wirkungsspektrum einen langanhaltenden Schutz des Wurzelapparates unter verschiedenen Umweltbedingungen gewährleistet. Dadurch können sich stärkere und gesündere Wurzeln bilden, um stabile Erträge zu sichern.

Die intensiven Bemühungen der großen Pflanzenschutzhersteller bezüglich der Saatgutzüchtung wurden am Beispiel des Vortrags von Hartmut van Lengerich, Bayer CropScience AG deutlich. Am Beispiel der Weizenerzeugung wies van Lengerich auf die Notwendigkeit eines längerfristigen Vegetationsschutzes im Pflanzenbau hin. So entfallen nach seinen Angaben 20 % des Kalorienbedarfes weltweit auf Weizen. Dennoch habe es bei dieser Pflanzenart seit 1990 kaum einen Züchtungsfortschritt gegeben, während die Weltbevölkerung weiter wachse. Mit dem Einsatz der Gentechnik seien zwar manche Züchtungsziele schneller zu erreichen, aber die Ware sei dann nicht zu verkaufen. Bayer investiere in traditionelle Züchtungsverfahren, um in Europa eine umweltfähige Weizenproduktion zu erreichen. Dabei seien durch Partnerschaften Risiken der Investitionen in eine Verbesserung der Agronomie zu minimieren. Das gelte für viele Teile der Welt, besonders aber auch für Europa, wo angepasste Züchtungsstandorte zur Verfügung stehen. Eine Verbesserung der Agronomie müsse mit Nachdruck verfolgt werden, so z. B. eine höhere Effizienz der Düngung, insbesondere des Stickstoffeinsatzes. Toleranz der Pflanzen gegen Hitze, Trockenheit sowie Krankheitsresistenzen seien Ergänzungstechnologien. Notwendig sei aber auch eine größere Technologiefreundlichkeit des Umfelds, unterstrich van Lengerich. Auch in dieser Hinsicht brauche die Industrie breite Partnerschaften, vor allem auch mit der mittelständischen Pflanzenzüchtung, weil sie über umfangreiches und geeignetes Genmaterial für die Pflanzenzüchtung verfüge. Van Lengerich betonte, dass die VO-Firmen als Partner gebraucht werden, um die Vermehrung zu gewährleisten. Anfang Juni solle die Einrichtung eines Forschungsstandortes von Bayer in Gatersleben als europäische Zentrale eröffnet werden.

Die strengeren Auflagen und Kontrollen bei der Anwendung von Beizmitteln, wie sie in der Praxis bereits Eingang gefunden haben, zählten in Warberg ebenfalls zu den besonders beachteten Themen. Dies hat vor allem der Praxisbericht von Eckard Kolbe, Saatgut 2000 GmbH, Claußnitz, belegt. Er berichtete von einer Vielzahl von Quailtätssicherungssystemen, deren Wirkung in der Praxis und den fehlenden Schnittstellen untereinander. Im Vordergrund stand dabei neben dem Anspruch des Kunden auf ein hochwertiges Produkt auch der Anspruch der Gesellschaft auf Produktsicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz. Die zunehmende Zertifizierung von Saatgutaufbereitungsanlagen wird bei Wertung der Warberger Diskussionsergebnisse zu einer weiteren Strukturveränderung in diesem Sektor beitragen. Die notwendigen Investitionen in neue Beiztechniken werden sich nicht für jeden Betrieb rechnen, hieß es. Dies sei jeweils eine Entscheidung nach einzelbetrieblicher Kostenbetrachtung. Einzelbetrieblicher Erfahrungsaustausch und Praxisberichte über Stand und Initiativen bei der Zertifizierung von Beizstellen und Qualitätssicherungssystemen von Saatgut rundeten das Beizthema ab.

Eine wichtige Botschaft, die Seitens des BVO im Rahmen der Diskussionen in Warberg gegeben wurde, lautet: Nach bisherigen Erkenntnissen ist die Versorgung der Landwirtschaft mit Z-Saatgut in 2012 gewährleistet. Allerdings sollten die Abnehmer frühzeitig Ihren Bedarf anmelden.

Hans-Peter Ruopp, Beiselen GmbH, Ulm, berichtete über den Markt für Gräser und Feldsaaten 2012. Bei den meisten Arten, so die Einschätzung zu Mengen und Preisen, sei vor 2013/2014 keine Entspannung zu erwarten. Der hohe Verbrauch bei gleichzeitig zurückgehender Vermehrungsfläche sowie unterdurchschnittlichen Ernteerträgen in den letzten Jahren wirke preisbefestigend nach. Lediglich bei Zwischenfrüchten gebe es eine teilweise Entspannung. So gebe es für Phacelia ein ausreichendes Angebot am Markt. Sah dies bei Gelbsenf anfangs auch noch so aus, so werde sich aus heutiger Sicht wiederum eine knappe Marktversorgung einstellen. Dies gelte insbesondere auch für Ölrettich und die wichtigsten Kleearten.

Der nächste Saatguthandelstag findet am 04. und 05. Juni 2013 wieder in Warberg statt.

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